Das Wichtigste in Kürze
- Herzpatienten werden in 3 Risikoklassen eingeteilt, die bestimmen, ob Implantate möglich sind.
- Antikoagulantien wie Marcumar nicht absetzen: Weiterführen bei INR 2,0–3,5 ist leitlinienkonform.
- Blutverdünner (NOAKs) nur 12–24 Stunden vor der OP pausieren – kein Bridging erforderlich.
- Bei Herzschrittmacher ist eine kardiologische Freigabe vor jedem Implantateingriff Pflicht.
- Dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA IV) gilt als Kontraindikation bis zur kardiologischen Stabilisierung.
1. Kardiovaskuläres Risikoprofil bei der Implantatplanung
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) unterscheiden bei Herzpatienten drei Risikoklassen, die direkt die Implantatindikation und das operative Protokoll bestimmen:
| Risikoklasse | Beispiele | Implantat-Indikation | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Niedrig | Stabile KHK, kontrollierte Hypertonie, kompensierte Herzinsuffizienz (NYHA I–II) | Möglich mit angepasstem Protokoll | Antikoagulation-Management, kardiologische Freigabe empfohlen |
| Mittel | Herzinsuffizienz NYHA III, Herzschrittmacher, nicht-kritische Klappenerkrankungen | Möglich nach Optimierung | Pflicht: kardiologische Freigabe, Schrittmacher-Protokoll, Endokarditis-Prophylaxe prüfen |
| Hoch | Dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA IV), frischer Herzinfarkt (< 6 Monate), kritische Aortenstenose, ICD mit rezidivierenden Entladungen | Kontraindiziert bis zur Stabilisierung | Implantatplanung erst nach kardiologischer Stabilisierung und Freigabe |
Die digitale Implantatplanung beginnt beim IIDZ Wien mit der Erfassung des vollständigen kardiologischen Status — einschließlich aktueller Medikation, letztem Kardiologie-Bericht und Schrittmacher-Typ (Hersteller, Modell, Programmierung). Diese Daten fließen direkt in die CBCT-gestützte 3D-Planung ein und bestimmen, welche chirurgischen Instrumente und welches Anästhesieverfahren eingesetzt werden.
2. Antikoagulation und Implantatoperation: Bridging oder Weiterführen?
Die Frage, ob Antikoagulantien vor einer Implantatoperation abgesetzt werden sollen, ist klinisch entschieden: Absetzen erhöht das thromboembolische Risiko stärker als das Blutungsrisiko unter Antikoagulation. Die aktuelle Leitlinienlage (ESC 2022, S3-Leitlinie Antikoagulation DGZMK 2021) empfiehlt für elektive dentoalveoläre Eingriffe bei den meisten Patienten die Weiterführung der Antikoagulation.
| Wirkstoff | Klasse | Empfehlung bei Implantat-OP | Monitoring |
|---|---|---|---|
| Phenprocoumon (Marcumar) | Vitamin-K-Antagonist | Weiterführen bei INR 2,0–3,5; lokale Hämostase | INR-Kontrolle am OP-Tag |
| Rivaroxaban, Apixaban, Dabigatran | NOAK | Einnahme am OP-Tag auslassen (12–24 h Pause je nach Substanz); kein Bridging nötig | Nierenfunktion (eGFR) prüfen |
| ASS 100 mg | Thrombozytenaggregationshemmer | Weiterführen; kein relevantes Blutungsrisiko bei Implantat-OP | — |
| Duale Plättchenhemmung (ASS + Clopidogrel) | DAPT | Kardiologische Rücksprache obligat; in der Regel Weiterführen; lokale Hämostase verstärken | Kardiologische Freigabe |
Im digitalen Workflow des IIDZ Wien wird die Antikoagulationsklasse bereits in der Planungsphase erfasst. Die geführte Implantologie (Guided Surgery) mit individuell gefertigter Bohrschablone minimiert das Weichteiltrauma und damit das Blutungsrisiko — ein direkter Vorteil für antikoagulierte Patienten gegenüber konventioneller Freihand-Chirurgie.
3. Endokarditis-Prophylaxe: Wann ist sie bei Implantat-OPs obligat?
Die Endokarditis-Prophylaxe ist nicht für alle Herzpatienten, sondern nur für Hochrisiko-Patienten mit spezifischen Herzerkrankungen indiziert. Die ESC-Leitlinie 2023 definiert drei Hochrisiko-Gruppen, bei denen eine antibiotische Prophylaxe vor Implantat-OPs mit Schleimhautdurchtrennung obligat ist:
Hochrisiko-Gruppen (ESC 2023) — Prophylaxe obligat:
- Zustand nach Endokarditis
- Zyanotische angeborene Herzfehler (nicht korrigiert oder mit Residualdefekt)
- Klappenersatz (mechanisch oder biologisch) und Klappenrekonstruktion mit Fremdmaterial
Standard: Amoxicillin 2 g oral 30–60 min vor dem Eingriff; bei Penicillin-Allergie: Clindamycin 600 mg oral.
Herzschrittmacher und ICD allein begründen keine Endokarditis-Prophylaxe. Patienten mit Herzschrittmacher ohne begleitende Klappenerkrankung oder Endokarditis-Anamnese erhalten keine prophylaktische Antibiose vor Implantat-OPs — ein häufiges Missverständnis in der Praxis.
4. Herzschrittmacher, ICD und elektromagnetische Interferenz bei der Implantat-OP
Implantierte Herzschrittmacher und Defibrillatoren (ICD) reagieren auf elektromagnetische Felder. Elektrochirurgische Geräte, die in der Implantologie eingesetzt werden, können diese Interferenz erzeugen — mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen:
| Gerät | Interferenzrisiko | Empfehlung bei Schrittmacher/ICD |
|---|---|---|
| Monopolarer Elektrokauter | Hoch | Kontraindiziert bei Schrittmacher/ICD |
| Bipolarer Elektrokauter | Gering | Einsatz möglich; Elektroden nah beieinander halten |
| Piezo-Chirurgie (monopolar) | Gering bis mittel | Bipolarer Modus bevorzugen; Rücksprache mit Kardiologen |
| Laser (Er:YAG, Diodenlaser) | Minimal | Sicher einsetzbar |
| Implantiermotor (rotierend) | Minimal | Sicher einsetzbar |
Das IIDZ Wien setzt bei Schrittmacher- und ICD-Patienten ausschließlich Instrumente mit nachgewiesener elektromagnetischer Verträglichkeit ein. Die Guided-Surgery-Bohrschablone reduziert zusätzlich die Operationszeit und damit die Gesamtexposition gegenüber chirurgischen Geräten.
Wichtig: Bei ICD-Patienten sollte vor elektiven Eingriffen in Rücksprache mit dem Kardiologen geprüft werden, ob der ICD temporär auf "Sensing-only"-Modus umgestellt werden kann. Dies verhindert eine versehentliche Schockabgabe durch Artefakte. Die Umprogrammierung muss durch den Kardiologen erfolgen und direkt nach dem Eingriff rückgängig gemacht werden.
5. Das digitale 6-Stufen-Protokoll des IIDZ Wien für Herzpatienten
Das IIDZ Wien hat ein standardisiertes digitales Protokoll entwickelt, das die spezifischen Anforderungen von Herzpatienten in jeden Schritt der Implantatplanung und -durchführung integriert:
Kardiologisches Screening und Risikoklassifikation
Digitale Erfassung des vollständigen kardiologischen Status: Diagnosen, Medikation (inkl. Antikoagulantien, Antiarrhythmika), Schrittmacher-/ICD-Typ (Hersteller, Modell, Implantationsdatum, letzte Kontrolle). Risikoklassifikation nach ESC-Schema.
CBCT-Diagnostik und 3D-Planung mit Knochenqualitäts-Analyse
Niedrigdosis-CBCT mit digitaler Knochendichtemessung (Hounsfield-Einheiten). Bei Herzpatienten mit reduzierter Knochenqualität (häufig unter Langzeit-Diuretika oder bei Herzinsuffizienz) wird die Implantatposition und -länge entsprechend angepasst.
Kardiologische Freigabe und Antikoagulations-Management
Standardisiertes Freigabe-Formular für den Kardiologen mit allen relevanten Informationen (Eingriff, Dauer, geplante Instrumente, Anästhesieverfahren). Antikoagulations-Protokoll nach aktueller Leitlinie.
Guided Surgery — Bohrschablone aus dem digitalen Workflow
CAD/CAM-gefertigte Bohrschablone auf Basis der 3D-Planung. Minimiert Operationszeit, Weichteiltrauma und Blutungsrisiko — besonders relevant für antikoagulierte Patienten. Kein monopolarer Elektrokauter; bei Bedarf bipolarer Modus oder Laser.
Perioperatives Monitoring und Notfallprotokoll
Kontinuierliche Pulsoxymetrie und EKG-Monitoring während der OP. Notfallprotokoll für Schrittmacher-Inhibition und ICD-Fehlfunktion liegt vor. Defibrillator im Behandlungsraum verfügbar.
Digitale Nachsorge mit verkürzten Kontrollintervallen
Engmaschigere Recall-Intervalle (3 statt 6 Monate) im ersten Jahr. Digitale Periimplantitis-Früherkennung per standardisierter Sondierungstiefenmessung. Koordination mit dem Kardiologen bei Auffälligkeiten.
6. Implantat-Erfolgsraten bei Herzpatienten: Was sagt die aktuelle Studienlage?
Die Datenlage zu Implantat-Erfolgsraten bei kardiovaskulären Erkrankungen ist differenziert. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Herzinsuffizienz als isoliertem Risikofaktor und der Kombination mit weiteren systemischen Erkrankungen:
| Patientengruppe | 5-Jahres-Überlebensrate Implantat | Hauptrisiko | Quelle |
|---|---|---|---|
| Gesunde Kontrollgruppe | 97–98 % | — | Cochrane 2019 |
| Kontrollierte KHK, stabile Herzinsuffizienz (NYHA I–II) | 94–96 % | Periimplantitis (erhöhtes Blutungsrisiko) | Chrcanovic et al. 2022 |
| Herzinsuffizienz NYHA III + Antikoagulation | 89–93 % | Wundheilungsstörung, Periimplantitis | Schimmel et al. 2021 |
| Herzschrittmacher (ohne weitere Komorbiditäten) | 95–97 % | Kein spezifisches Implantat-Risiko | Romanos et al. 2020 |
Herzschrittmacher allein reduzieren die Implantat-Erfolgsrate nicht signifikant. Das Risikoprofil wird primär durch die begleitende Herzinsuffizienz, die Antikoagulation und eventuelle Komorbiditäten (Diabetes, Osteoporose) bestimmt — nicht durch das Schrittmacher-Implantat selbst.
Fazit: Herzpatienten können Implantate erhalten — mit dem richtigen Protokoll
Herzinsuffizienz und Herzschrittmacher sind keine generellen Kontraindikationen für Zahnimplantate. Entscheidend ist die systematische Risikoklassifikation, das korrekte Antikoagulations-Management, die Endokarditis-Prophylaxe bei Hochrisiko-Patienten und der Verzicht auf monopolare Elektrochirurgie. Das digitale Protokoll des IIDZ Wien — von der CBCT-Planung über die CAD/CAM-Bohrschablone bis zur engmaschigen digitalen Nachsorge — minimiert die operativen Risiken und ermöglicht auch kardiovaskulär kompromittierten Patienten eine sichere Implantatversorgung.
IIDZ Wien – Wissenschaftliche Redaktion
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Hinweis: Diese Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle zahnärztliche Beratung. Das Institut für Implantologie und digitale Zahnmedizin Wien ist eine gemeinnützige, unabhängige Wissenschaftsplattform — kein Behandlungsbetrieb. Alle Angaben entsprechen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Literatur; individuelle Behandlungsentscheidungen müssen stets mit einem approbierten Zahnarzt oder Facharzt getroffen werden.
