Das Wichtigste in Kürze
- Periimplantitis ist nicht vollständig reversibel — frühzeitige Behandlung ist der wichtigste Faktor für den Implantaterhalt.
- Therapiestufen: 1. Nicht-chirurgische Therapie → 2. Reevaluation nach 6 Wochen → 3. Chirurgie bei Persistenz.
- Mukositis (ohne Knochenabbau): nahezu 100% reversibel durch professionelle Reinigung.
- Rekonstruktive Chirurgie zeigt nach 3 Jahren signifikant weniger Implantatverluste (1%) als nicht-rekonstruktive (8%).
- Vollständige Knochenfüllung gelingt nur in ~10% der Fälle; partielle Füllung in ~86%.
- Recall alle 3–6 Monate nach Behandlung ist zwingend — ohne Nachsorge steigt das Rückfallrisiko stark.
Periimplantitis betrifft laut aktuellen Daten ca. 22% aller Implantatpatienten — und ist die häufigste Ursache für Implantatverlust. Doch was passiert, wenn die Diagnose gestellt ist? Dieser Artikel erklärt die Therapiestufen nach der EFP S3-Leitlinie 2023 (Herrera et al., Journal of Clinical Periodontology), was Patienten bei der Behandlung erwartet — und was die Forschung über Langzeitergebnisse sagt.
Mukositis ≠ Periimplantitis
Die Unterscheidung ist entscheidend für die Therapie. Periimplantäre Mukositis: Entzündung nur im Weichgewebe, kein Knochenabbau — vollständig reversibel. Periimplantitis: Entzündung + radiologisch nachweisbarer Knochenabbau — nicht vollständig reversibel, aber behandelbar.
Die Therapiestufen: Was wann gemacht wird
Die EFP S3-Leitlinie 2023 empfiehlt ein gestuftes Vorgehen — von konservativ nach chirurgisch:
Nicht-chirurgische Therapie (Phase 1)
Professionelle mechanische Reinigung der Implantatoberfläche (Küretten, Ultraschall, Air-Polishing mit Glycinpulver). Adjuvant: Chlorhexidin-Mundspülung, ggf. lokale Antiseptika. Ziel: Biofilm-Eliminierung und Entzündungsreduktion. Bei Mukositis ist dies oft ausreichend — bei Periimplantitis begrenzt wirksam, da der Zugang zur kontaminierten Oberfläche eingeschränkt ist.
Reevaluation nach 6–8 Wochen: Wenn Blutung bei Sondierung, Taschenvertiefung oder Knochenabbau persistieren → chirurgische Therapie.
Chirurgische Therapie (Phase 2) — bei Persistenz
Offene Lappenoperation (OFD): Zahnfleisch wird zurückgeklappt, Implantatoberfläche direkt zugänglich. Dekontamination mit mechanischen und chemischen Methoden. Danach je nach Defektmorphologie:
Resektiv
Knochenglättung, Implantoplastik (Gewindegänge abschleifen). Bei horizontalem Knochenabbau (Klasse II). Ziel: Taschenreduktion, Hygienefähigkeit.
Rekonstruktiv (GBR)
Knochenersatzmaterial + Membran (Gesteuerte Knochenregeneration). Bei vertikalem Knochendefekt ≥ 3 mm (Klasse I, schüsselförmig). Bessere Langzeitergebnisse.
Explantation (Ultima Ratio)
Wenn chirurgische Therapie scheitert, Knochenabbau nicht zu stoppen ist oder das Implantat mobil wird. Nach vollständiger Ausheilung (3–6 Monate) und Knochenaufbau ist Re-Implantation möglich — jedoch mit geringerer Erfolgsrate als Erstimplantation.
Was die Forschung über Behandlungserfolge sagt
Aktuelle Daten aus systematischen Übersichtsarbeiten und der EFP S3-Leitlinie 2023 (Herrera et al.):
| Therapie | Entzündungsfreiheit | Implantatverlust (3 J.) | Knochengewinn |
|---|---|---|---|
| Mukositis: Professionelle Reinigung | ~100% reversibel | < 1% | Kein Verlust, kein Gewinn nötig |
| Nicht-chirurgisch (Periimplantitis) | 50–60% | 2–5% | Kein messbarer Gewinn |
| Chirurgisch resektiv (OFD) | 60–75% | 2% (nach 1 J.) | Minimal |
| Chirurgisch rekonstruktiv (GBR) | 65–80% | 1% (nach 3 J.) | Ø +1,7 mm, vollst. Füllung ~10% |
Quellen: Schmidlin/Solderer 2024 (Spitta Dentalwelt), EFP S3-Leitlinie 2023 (Herrera et al., JCPE), Rokaya et al. 2020 (PMC7536094)
Digitale Zahnmedizin bei der Periimplantitis-Behandlung
Das Institut für Implantologie und digitale Zahnmedizin Wien setzt bei der Periimplantitis-Diagnostik und -Therapie auf den vollständigen digitalen Workflow — weil Präzision und Dokumentation über den Therapieerfolg entscheiden.
DVT/CBCT-Monitoring
Dreidimensionale Knochenbildgebung macht Ausmaß und Morphologie des periimplantären Knochendefekts sichtbar — entscheidend für die Wahl zwischen resektiver und rekonstruktiver Therapie. Serielle DVT-Aufnahmen dokumentieren den Therapieverlauf objektiv (Knochengewinn in mm messbar).
Digitale Sondierung und Dokumentation
Elektronische Sondierungssysteme erfassen Taschentiefen und Blutungsindizes präzise und reproduzierbar. Die digitale Dokumentation ermöglicht den direkten Vorher-Nachher-Vergleich und erkennt Verschlechterungen frühzeitig — bevor sie klinisch sichtbar werden.
Digitale Defektanalyse für die Therapieplanung
Die DVT-Daten werden in die Planungssoftware importiert: Defektklassifikation (Klasse I vs. II), Knochenvolumen und Wandkonfiguration bestimmen, ob GBR sinnvoll ist. Ohne 3D-Bildgebung ist diese Entscheidung nicht evidenzbasiert möglich.
CAD/CAM bei der Rekonstruktion
Nach erfolgreicher Periimplantitis-Behandlung und Re-Osseointegration kann die Suprakonstruktion (Krone, Abutment) digital neu gefertigt werden — mit präziser Anpassung an die veränderte Weichgewebssituation. Digitale Abdrücke (Intraoralscanner) ersetzen konventionelle Abdrücke ohne Druckbelastung des behandelten Gewebes.
Was die Prognose beeinflusst
Günstige Faktoren
Ungünstige Faktoren
Was Patienten bei der Behandlung erwartet
Diagnose und Befunderhebung
Sondierung (Messung der Taschentiefen), Blutungstest (BOP), Röntgenkontrolle (DVT oder OPG). Vergleich mit Referenzaufnahme bei Implantateinsetzen.
Nicht-chirurgische Phase (ca. 1–2 Sitzungen)
Professionelle Reinigung, Instruktion zur häuslichen Mundhygiene. Dauer: 30–60 Minuten. Keine Narkose nötig.
Reevaluation (6–8 Wochen)
Erneute Sondierung und Blutungstest. Entscheidung: Recall ausreichend oder chirurgische Intervention notwendig.
Chirurgische Phase (falls nötig)
Ambulant unter Lokalanästhesie. Dauer: 60–120 Minuten. Nachsorge: Antibiotika (ggf.), Mundspülung, Fädenziehen nach 10–14 Tagen. Schwellung und leichte Schmerzen für 2–5 Tage normal.
Langzeit-Recall (lebenslang)
Alle 3–6 Monate professionelle Reinigung. Ohne konsequenten Recall steigt das Rückfallrisiko stark. Das ist keine Option — es ist die Voraussetzung für den Implantaterhalt.
Kosten der Periimplantitis-Behandlung in Wien
| Behandlung | Kosten (Wien, Richtwert) | ÖGK-Erstattung |
|---|---|---|
| Professionelle Reinigung (Recall) | 80–200 € | Nein (Wahlleistung) |
| Nicht-chirurgische Therapie | 200–500 € | Nein |
| Chirurgisch resektiv (OFD) | 500–1.200 € | Nein |
| Rekonstruktiv mit GBR | 1.500–3.500 € | Nein |
| Explantation | 300–800 € | Nein |
Die ÖGK übernimmt keine Kosten für Periimplantitis-Behandlungen, da Implantate Wahlleistungen sind. Eine Zahnzusatzversicherung kann je nach Tarif Teilkosten übernehmen. Behandlungskosten können unter Umständen als außergewöhnliche Belastung steuerlich abgesetzt werden.
Fazit: Früh handeln, konsequent nachsorgen
Periimplantitis ist behandelbar — aber nicht vollständig reversibel. Die EFP S3-Leitlinie 2023 ist eindeutig: Frühzeitige Diagnose und konsequente Therapie sind die entscheidenden Faktoren für den Implantaterhalt. Wer bei ersten Symptomen (Zahnfleischbluten, Rötung, Taschenvertiefung) sofort zum Zahnarzt geht, hat deutlich bessere Chancen als jemand, der wartet. Und nach der Behandlung gilt: Recall alle 3–6 Monate ist keine Empfehlung — es ist die Voraussetzung.
Wissenschaftliche Quellen
- Herrera D et al. (2023): EFP S3 Level Clinical Practice Guideline for peri-implant diseases. J Clin Periodontol. PMID: 37271498.
- Rokaya D et al. (2020): Peri-implantitis Update: Risk Indicators, Diagnosis, and Treatment. Eur J Dent. PMC7536094.
- EFP: Peri-implant disease: Treatment (Patienteninformation)
- Schmidlin PR, Solderer A, Liu CC (2024): Therapieentscheid in der rekonstruktiven Periimplantitistherapie. Spitta Dentalwelt, September 2024.
- Geistlich Pharma AG: Periimplantitis-Therapie — Erkrankungen am Implantat erkennen und therapieren.
IIDZ Wien – Wissenschaftliche Redaktion
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Hinweis: Diese Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle zahnärztliche Beratung. Das Institut für Implantologie und digitale Zahnmedizin Wien ist eine gemeinnützige, unabhängige Wissenschaftsplattform — kein Behandlungsbetrieb. Alle Angaben entsprechen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Literatur; individuelle Behandlungsentscheidungen müssen stets mit einem approbierten Zahnarzt oder Facharzt getroffen werden.