Das Wichtigste in Kürze
- All-on-4: vollständiger Zahnersatz auf 4 Implantaten — oft ohne Knochenaufbau möglich.
- 10-Jahres-Überlebensrate: 94,8% (UK) und 90,1% (OK) laut Malo et al. 2019.
- All-on-6 bietet mehr Stabilität, besonders im Oberkiefer empfehlenswert.
- Kosten Wien: All-on-4 ca. 8.000–15.000 € / Kiefer, All-on-6 ca. 12.000–20.000 € / Kiefer.
- Sofortbelastung möglich: provisorisches Gebiss am OP-Tag.
- Nicht für jeden geeignet: Knochenangebot, Systemerkrankungen und Compliance entscheiden.
- Digitale Pflicht: DVT + Backward Planning + Guided Surgery + CAD/CAM-Provisorium — ohne diesen Workflow ist All-on-4/6 nicht seriös durchführbar.
All-on-4 und All-on-6 sind Konzepte für vollständigen Zahnersatz auf wenigen Implantaten — und eines der am meisten beworbenen Angebote in der Implantologie. Doch was steckt wirklich dahinter? Dieser Artikel erklärt das Konzept evidenzbasiert: mit Langzeitdaten, klaren Indikationen und einer ehrlichen Einschätzung von Vor- und Nachteilen — ohne Werbung.
Was ist All-on-4 — und was ist es nicht?
All-on-4 (entwickelt von Prof. Paulo Malo, Lissabon, 1990er-Jahre) ist ein chirurgisch-prothetisches Konzept für den vollständigen Zahnersatz bei totalem oder nahezu totalem Zahnverlust. Das Prinzip:
4 Implantate pro Kiefer
2 gerade Implantate vorne + 2 schräg eingesetzte Implantate hinten (bis 45°). Die Schrägstellung ermöglicht längere Implantate im hinteren Bereich, ohne den Nervkanal (UK) oder die Kieferhöhle (OK) zu berühren.
Festsitzende Brücke
Eine Brücke mit 12–14 Zähnen wird auf den 4 Implantaten verschraubt — nicht zementiert. Sie ist festsitzend, aber vom Zahnarzt abnehmbar für Kontrollen.
Sofortbelastung möglich
In der Regel wird am OP-Tag ein provisorisches Gebiss eingesetzt. Nach 3–6 Monaten Einheilung folgt das definitive Gebiss aus Zirkon oder Keramik.
Oft kein Knochenaufbau nötig
Die Schrägstellung der hinteren Implantate umgeht Bereiche mit wenig Knochen. Das ist der Hauptvorteil gegenüber konventionellen Vollversorgungen, die oft umfangreichen Knochenaufbau erfordern.
All-on-4 vs. All-on-6: Was ist der Unterschied?
| Kriterium | All-on-4 | All-on-6 |
|---|---|---|
| Anzahl Implantate | 4 pro Kiefer | 6 pro Kiefer |
| Knochenanforderung | Geringer (Schrägstellung) | Höher |
| Stabilität / Kraftverteilung | Gut | Sehr gut |
| Oberkiefer-Eignung | Eingeschränkt (weicherer Knochen) | Bevorzugt |
| Kosten Wien (ca.) | 8.000–15.000 € / Kiefer | 12.000–20.000 € / Kiefer |
| Knochenaufbau nötig? | Oft nicht | Häufiger |
| Langzeitdaten | Gut (Malo et al. 2019: 10 Jahre) | Gut, aber weniger Langzeitstudien |
Was sagen die Langzeitdaten?
Die wichtigste Langzeitstudie stammt von Malo et al. 2019 (10-Jahres-Daten, n=242 Patienten):
Unterkiefer (All-on-4)
Oberkiefer (All-on-4)
Quelle: Malo P et al. (2019): All-on-4 treatment concept for the rehabilitation of the completely edentulous mandible and maxilla: A 10-year retrospective study. J Oral Implantol. PMID: 31350932
Für wen ist All-on-4/6 geeignet — und für wen nicht?
Geeignet
Kontraindikationen / Einschränkungen
Wie läuft die Behandlung ab?
Diagnostik (DVT + digitaler Abdruck)
3D-Röntgen (DVT/CBCT) zur Knochenbeurteilung. Digitaler Abdruck für die Planung. Dauer: 1 Sitzung.
Digitale Planung
Virtuelle Implantatpositionierung, Schablonenfertigung. Prothetisch rückwärts geplant ("backward planning"). Dauer: 1–2 Wochen.
Chirurgischer Eingriff
Extraktion verbleibender Zähne (falls nötig), Implantation aller 4–6 Implantate in einer Sitzung, Einsetzen des provisorischen Gebisses. Dauer: 3–5 Stunden unter Lokalanästhesie oder Sedierung.
Einheilungsphase (3–6 Monate)
Provisorisches Gebiss aus Kunststoff. Nur weiche Kost. Kontrollen alle 4–6 Wochen.
Definitives Gebiss
Zirkon- oder Keramikbrücke wird eingesetzt. Langlebig, ästhetisch, lebensmittelecht. Lebenslange Nachsorge alle 6 Monate.
Warum All-on-4/6 ohne digitale Planung nicht seriös ist
All-on-4/6 ist eines der technisch anspruchsvollsten Konzepte in der Implantologie. Die Schrägstellung der hinteren Implantate, die Sofortbelastung und die prothetische Präzision sind ohne vollständigen digitalen Workflow nicht zuverlässig durchführbar. Das Institut für Implantologie und digitale Zahnmedizin Wien setzt deshalb auf folgende digitale Kette:
DVT/CBCT als Pflicht
Ohne 3D-Bildgebung ist die Planung der Implantatpositionen, Knochenvolumen und Nervverläufe nicht präzise möglich. Ein OPG (2D-Röntgen) reicht für All-on-4/6 nicht aus. DVT ist die Grundlage jeder seriösen Vollversorgungsplanung.
Digitale Implantatplanung (Backward Planning)
Die prothetische Versorgung wird zuerst virtuell geplant — dann werden die Implantatpositionen rückwärts abgeleitet ('backward planning'). Software wie coDiagnostiX oder Simplant visualisiert die Schrägstellung, Achsen und Kraftverteilung, bevor der erste Bohrer angesetzt wird.
Chirurgische Schablone (Guided Surgery)
Die geplanten Implantatpositionen werden in eine präzise Bohrschablone übertragen. Besonders bei All-on-4 mit schrägen Implantaten ist die exakte Positionierung entscheidend für die Kraftverteilung und die prothetische Passgenauigkeit.
CAD/CAM-Provisorium am OP-Tag
Das provisorische Gebiss für die Sofortbelastung wird digital gefertigt: Intraoralscanner oder digitale Abdrücke liefern die Grundlage, das Provisorium wird aus PMMA gefräst. Nur so ist die Passgenauigkeit am OP-Tag gewährleistet.
Digitales definitives Gebäude (Zirkon/Keramik)
Das definitive Gebiss nach der Einheilung wird volldigital geplant und gefertigt: Intraoralscan, virtuelle Okklusion, CAD/CAM-Fertigung aus monolithischem Zirkon oder Keramik. Höchste Präzision, lange Lebensdauer.
Kosten in Wien
| Versorgung | Kosten / Kiefer (Wien) | ÖGK-Erstattung |
|---|---|---|
| All-on-4 (Unterkiefer) | 8.000–15.000 € | Nein |
| All-on-4 (Oberkiefer) | 10.000–18.000 € | Nein |
| All-on-6 (Unterkiefer) | 12.000–18.000 € | Nein |
| SIC invent Safe-on-4 (UK) | 8.000–16.000 € | Nein |
| All-on-6 (Oberkiefer) | 15.000–20.000 € | Nein |
| DVT-Diagnostik (einmalig) | 150–350 € | Nein |
| Ggf. Knochenaufbau | + 1.500–4.000 € | Nein |
Die ÖGK übernimmt keine Kosten für All-on-4/6. Ausnahme: Im Unterkiefer kann bei totalem Zahnverlust ein Zuschuss für 2 Implantate zur Prothesenverankerung beantragt werden. Die Kosten können unter Umständen als außergewöhnliche Belastung steuerlich abgesetzt werden.
Fazit: All-on-4/6 ist evidenzbasiert — aber kein Allheilmittel
All-on-4 und All-on-6 sind gut dokumentierte Konzepte mit soliden 10-Jahres-Daten. Sie sind keine Werbegimmicks — aber auch keine universelle Lösung. Die Entscheidung hängt von Knochenangebot, Systemerkrankungen, Bruxismus-Status und Compliance ab. Ein seriöser Behandler erklärt Ihnen transparent, ob und welche Variante für Sie geeignet ist — und warum. Fordern Sie eine DVT-basierte Planung und eine aufgeschlüsselte Kostenaufstellung, bevor Sie zustimmen.
Wissenschaftliche Quellen
- Malo P et al. (2019): All-on-4 treatment concept for the rehabilitation of the completely edentulous mandible and maxilla: A 10-year retrospective study. J Oral Implantol. PMID: 31350932.
- EAO Consensus Conference (2018): Implant-supported full-arch rehabilitation. Clin Oral Implants Res.
- Patzelt SBM et al. (2014): The all-on-four treatment concept: A systematic review. Clin Implant Dent Relat Res.
- Lopes A et al. (2021): All-on-4 treatment concept for edentulous patients: A systematic review. J Clin Med.
IIDZ Wien – Wissenschaftliche Redaktion
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Hinweis: Diese Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle zahnärztliche Beratung. Das Institut für Implantologie und digitale Zahnmedizin Wien ist eine gemeinnützige, unabhängige Wissenschaftsplattform — kein Behandlungsbetrieb. Alle Angaben entsprechen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Literatur; individuelle Behandlungsentscheidungen müssen stets mit einem approbierten Zahnarzt oder Facharzt getroffen werden.